Mittwoch, 5. Juli 2017

Warum bilden wir unsere Pferde aus?


Ich bin es leid, mit Leuten über eine gute Pferdeausbildung zu diskutieren, 
die nie auf einem durchlässigen Pferd gesessen haben.

Ich bin müde, die Anatomie und Denkweise des Pferdes mit Menschen zu besprechen, 
die nicht lernen, sondern streiten wollen.

Reiter, was wollt Ihr?


Das Zusammensein mit Pferden ist seit fast 40 Jahren fester Bestandteil meines Lebens. Und wer mich und das Konzept Physio-Riding kennt, weiß, dass das Wohl des Pferdes an erster Stelle steht.

Ich kenne die „alte“ Art mit Pferden umzugehen (Ständerhaltung, kein Weidegang, Kategorischer Zwang und „Brechen“ des Pferdewillens) und beschäftige mich ausgiebig mit modernen Lehr-und Lernmethoden, wie beispielsweise dem Clickertraining (Lernen über positive Bestärkung) und lehne jede Art von Ausrüstung ab, die das Pferd in seinen Bewegungen behindert und einschränkt.

Dennoch zieht sich in meiner Brust etwas unwohl zusammen, wenn ich sehe, wie heute viele Pferdeliebhaber mit ihren Tieren umgehen, die jede Form von Gewalt, Zwang und Erziehung ablehnen.

Ich reite meine Pferde gerne mit Halsring – werde aber ganz sicher niemals mit Halsring im Gelände unterwegs sein. Ich bilde ohne Strafe nach den Grundsätzen positiver Bestärkung aus, auch die Lektion, dass ein Annehmen des Zügels „Anhalten“ bedeutet.

Meine Pferde nehmen gerne und freiwillig die Trense ins Maul, obwohl sie wissen, dass ich im „Case of emergency“ am Zügel ziehen oder fies „rucken“ würde ... Dies muss ich allerdings nur, wenn mein Pferd nicht „an den Hilfen“ steht und „durchlässig“ ist.

Viele Pferdeliebhaber empfinden diese Aussagen bereits als Teil der großen Tierquälerei des „Zwangreitens“, oftmals weil sie gar nicht wissen, was der Begriff Durchlässigkeit überhaupt aussagt.

Wenn ich meine eingezäunte Weide, meinen Reitplatz oder meine Reithalle verlasse, muss ich mein Pferd sicher leiten und anhalten können, sonst gefährde ich nicht nur mein Leben, sondern auch das meines Pferdes und fremder Menschen, sollte es zu einem schlimmen Unfall kommen.

Dressur eines Pferdes besagt, das Pferd so auszubilden, dass es zu einem zuverlässigen, kontrollierbaren Partner wird. (Turnierreiten schließe ich bei meinem Betrachtungen aus, da die Anforderungen im Leistungssport für das Tier inzwischen grundsätzlich fragwürdig geworden sind.)

Korrektes Dressurreiten mit dem Ausbildungsziel "Durchlässigkeit und Zuverlässigkeit" 
und 
Gewalt gegenüber dem Pferd
 schließen einander aus,
denn ein Pferd, das vor seinem Reiter Angst hat,  
wird nie zuverlässig bzw. durchlässig werden. 

Was Angst, Stress oder Qual bereitet, ist der Mensch, der nicht bereit ist:

-> seinen Körper fit genug für das Reiten zu machen
                    -> das notwendige Geld für qualifizierten Unterricht auszugeben
             -> sich zu wenig um fundiertes Theoriewissen zu bemühen.  


Montag, 29. Mai 2017

Was ist eine fundierte Quelle


Wenn man reiten lernen möchte, findet man eine Reihe von Angeboten.

Verschiedene Reitweisen

Verschiedene Reitlehren
Verschiedene Reitlehrer
       Verschiedene Glaubenssätze

Der Begriff "Reitlehrer" ist nicht geschützt.  Jeder, der sich berufen fühlt, andere zu unterrichten, darf sich so nennen.  Er muss nicht begründen, auf welches Wissen sein Unterricht basiert.

Viele Lehrer unterrichten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und Erfolge. Sie geben weiter, was sie selber tun. Das kann gut sein, muss aber nicht. Es kommt darauf an, wie plausibel und verständlich der Reitlehrer sein Wissen formuliert, damit der Schüler / die Schülerin es verstehen und umsetzen kann.

Viel Wissen wird aufgrund von Hörensagen weitergegeben. Quellen sind nicht bekannt oder werden ungenau angegeben. Es ist jedoch immens wichtig, sich die Quellen von Lehrsätzen oder Lehrmeinungen genau anzusehen, um entscheiden zu können, ob die Informationen der Verfasser auch für die eigenen Zwecke sinnvoll sind.

Alte Reitlehren wurden für Pferde und Reiter geschrieben, die entweder im Militär oder bei der Arbeit erfolgreich agieren sollten.  Wie wichtig dabei die Gesunderhaltung es Pferdes war, ist umstritten.

Fundiertes Wissen als Grundlage einer Reitlehre ist begründetes Wissen. 

Begründetes Wissen, um mit Pferd beim Militär zu überleben, findet sich bei alten Militärreitern.
Begründetes Wissen für möglichst effektives Arbeiten mit dem Pferd findet sich bei Reitern, die mit ihren Pferden gearbeitet haben.

Begründetes Wissen für gesundes Reiten 
entsteht durch Kenntnisse in der Anatomie, Physiologie und Psychologie (Verhaltensforschung), nicht aber durch Überlieferung.





Samstag, 13. Mai 2017

Verstehen und Trainieren

Wenn ich Gitarre spielen will, suche ich mir eine(n) Lehrer(in), bei dem /der ich regelmäßig Unterricht nehme.
Ich kann  leider nicht gut Gitarre spielen. Vielleicht liegt das ja am Lehrer oder an der Unterrichtsmethode? Ich suche mir einen neuen ... und einen neuen ... und einen neuen ....
Oder liegt es am System? Klassische Gitarre ist ja sowieso nicht mein Ding, Blues vielleicht ...???

Natürlich liegt es nicht am Lehrer oder an der Unterrichtsmethode oder an der Stilrichtung, sondern an meiner mangelnden Disziplin. Ich müsste üben, üben, üben - und das mache ich zu wenig. Es ist anstrengend und oft langweilig und ich muss mir jeden Tag Zeit nehmen. Die Fingerkuppen tun weh, bis sie endlich Hornhaut haben und die Trägheit meiner alten Muskeln nervt, denn gute Musik entsteht durch flinke Finger.

Was hat Gitarre spielen mit Reiten zu tun?

Es funktioniert nach dem gleichen Prinzip.  Nur wer übt und übt und übt, wird es lernen. Doch heute gelten anscheinend andere Regeln. Über Internet und die sozialen Medien treffe ich auf tausende von Reitlehrern/Reitlehrerinnen, die mir suggerieren, dass ich die Lehrkraft und das System wechseln muss, um mit Pferden glücklich zu werden.  So irren Reiter von Lehrer zu Lehrer und kommen doch keinen Schritt weiter.

Anstatt sich einzugestehen, dass es an ihrer mangelnden Disziplin oder ihrer körperlichen Trägheit oder ihrer nicht eingestandenen Angst liegt, suchen sie neue Lehrer und Lehren und manchmal sind diese Lehrer mit ihren Lehren Leute, die sich selbst nicht eingestehen möchten, ihr reiterliches Ziel nicht erreicht zu haben. So verändern sie schwupp die wupps das Ziel. Das was sie selber können, wird zum neu deklarierten Ziel und schon ist man Lehrer.

Das ist genauso bescheuert, als wenn ich drei Akkorde greifen kann und  Gitarrenunterricht geben will.  In der Musik würde es nicht funktionieren, warum funktioniert es in der Reiterei?

Beim Physio-Riding erkläre ich in meiner Eigenschaft als Tierphysiotherapeutin seit 1998, also seit fast 20 Jahren, physische und psychische Zusammenhänge, wodurch der Reiter das Reiten besser versteht, egal in welcher Reitweise er aktiv ist.  Das bedeutet jedoch nicht, dass er weniger diszipliniert an seinen Fertigkeiten arbeiten muss, um reiten zu lernen.

VERSTEHEN ist die Voraussetzung - TRAINIEREN ist der Weg.

In all den Jahren habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, die das gleiche Ziel hatten.
Erreicht haben es die, die sich für einen Weg entschieden haben und dann diesen Weg gegangen sind, ohne wenn und aber, ohne Jammerei oder Ausflüchte, tagein und tagaus. Wer das nicht tat, wurde nicht glücklich und gab am Ende ganz auf oder ist jetzt Lehrer... für irgendwas ... rund ums Pferd.
























Montag, 27. März 2017

Antons Hirn raucht ... oder: Ein Pony grübelt

Im Rahmen des Physio-Riding beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Ausbildungssystemen und Lernphilosophien. Dazu gehört natürlich auch ein Einblick in das Lernen mittels positiver Bestärkung, im allgemeinen auch Clickertraining, genannt.

Im folgenden Video ist eine eine Übungssequenz zu sehen, wie wir sie gerne ausführen, um die Handlungs- und Entscheidungsfindung des Pferdes zu beobachten.

ACHTUNG!
Hier wird keine Anweisung zum Trainieren gezeigt, sondern es ist experimentelles Ausprobieren nach dem Grundsatz  "Was passiert, wenn ...."

Erstes Ziel war es, dem Pony verständlich zu machen, dass es den gelben Eimer anticken soll.
Hierfür haben wir den Eimer bereitgestellt und sobald das Pony ihn angetickt hat, gab es den Klick und das Leckerli.

Dann wollten wir ausprobieren, wie das Pony reagiert, wenn mehrere Eimer zur Auswahl da stehen.

Dies könnt ihr im folgenden Video beobachten:

a) Zunächst probiert das Pony irgendeinen Eimer. Es bekommt keine positive Bestärkung, sondern wird weggeführt.

b) Beim erneuten Hinführen sieht man deutlich, wie das Pony überlegt. Es probiert nicht nur (denn es will nicht wieder weggeführt werden, was streng genommen, schon eine Bestrafung / negative Bestärkung nicht erwünschten Verhaltens ist) sondern das Leckerli verdienen.

c) Es probiert vorsichtig Möglichkeiten aus und beobachtet dabei die Reaktion des Menschen

d) Nachdem das Pony verstanden hat, dass es weiterhin nur um den gelben Eimer geht, handelt es sicher und routiniert.

Wenn man beobachtet, wie ein Pferd oder Pony mit solchen intelligenten Übungen umgeht und die Erkenntnisse aus diesen Beobachtungen für das Reiten nutzen will, ist klar, dass jede Art von Gewalt und Strafandrohung die wirklich schöne Kommunikation mit dem Tier nur behindern kann.

Und nun viel Spaß mit dem Filmchen, dem wir den Namen "Antons Hirn raucht" gegeben haben:


Vielen Dank an die Darsteller: Kim Stubbe, Linda Huttenlocher (zukünftige Physio-Riding Coaches), sowie Dozent Anton Bruns





Freitag, 17. Februar 2017

Reiter und Wissen

Bereits während meiner Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin in 1998  befasste ich mich mit dem Thema "Diagnostik unter dem Reiter", schrieb hierzu eine Facharbeit und veranstaltete Workshops mit Therapeuten und Reitern, um die Zusammenhänge zwischen Pferdegesundheit und reiterlicher Einwirkung zu erforschen.

Bild links:
Bericht von unserem ersten Workshop mit Reitern und angehenden Tierphysiotherapeuten

Bis dahin behandelten Tierärzte Krankheiten mittels Medikamenten und Reitlehrer unterrichteten aufgrund Erfahrungen alter Reitmeister.  Beide Berufssparten hatten keine Verbindung untereinander.
Ich bin stolz darauf, behaupten zu dürfen, Pionierarbeit geleistet zu haben.

Das Physio-Riding als Symbiose aus Reitlehre und Tierphysiotherapie fand Beachtung in Tageszeitungen und diversen Fachzeitschriften. (Pegasus, Freizeit im Sattel, Cavallo, Mein Pferd u.v.m.) Seit 2005 ist es eine eingetragene Marke beim DPMA.
Wir haben inzwischen mit dem Verlag Pferdia ein wunderschönes Lehrvideo erstellt und beim Verlag Müller Rüschlikon ist ein Buch herausgekommen,

Nebenbei gibt es diverse Veröffentlichungen und Lehrbücher zu unserer inzwischen etablierten Physio-Riding Coachausbildung und wir haben das Konzept auf vielen Messen in ganz Deutschland vorgestellt.

Ich schreibe diese Zeilen heute, um mich selbst zu loben - tut ja sonst so selten jemand ... nein natürlich nicht, ich bekam und bekomme sehr viel sehr postives Feedback.

Bei aller positiver Entwicklung gibt es jedoch Fakten, die die Arbeit mit Pferden und Reitern sehr anstrengend gestalten und motivierte Trainer und Therapeuten oft zur Verzweiflung oder sogar zur Aufgabe bewegen.

Mich persönlich betrifft das nicht mehr. Ich bin inzwischen - nach weit über dreißig Jahren beruflicher Selbstständigkeit -  dickfällig und lange genug aktiv, um mich negativ beeinflussen zu lassen, bei vielen jungen Kollegen ist das jedoch anders.

Viele Reiter behaupten zwar, die Gesundheit ihrer Pferde an erste Stelle zu stellen, tun dies aber nur, solange es ihrer Wunschvorstellung von der Gestaltung ihres Zusammenlebens mit dem Tier nicht widerspricht. 

Hierdurch werden junge innovativ arbeitende Kollegen oft in eine Verteidigungsposition gezwungen, die sie nicht verdient haben und die auf Dauer sehr entmutigend wirkt.
Leider machen sich in dieser Stresssituation viele Kollegen, die eigentlich das Gleiche erreichen möchten, gegenseitig Konkurrenz anstatt zu kooperieren, und leider gehen viele Kollegen fachlich nicht vertretbare Kompromisse ein, weil sie sich bei ihren Kunden, den Reitern, nicht unbeliebt machen wollen.

Ich bin sicher, dass die großen Reitmeister  der Vergangenheit andere Lehrbücher geschrieben hätten, wenn sie unser Wissen über die Motorik und Psychologie des Pferdes gehabt hätten und sie würden sich vor Ärger im Grab herumdrehen, wenn sie wüssten, dass ihre Werke heute als klassisch und nicht mehr veränderbar gelten, obwohl wir doch heute vieles besser wissen.

Als die Reitmeister früherer Jahrhunderte ihre Bücher geschrieben haben, waren es neue Erkenntnisse, die verarbeitet wurden und sicher gab es zu allen Zeiten Traditionalisten, die Neues nicht akzeptieren wollten.

Heute sollten wir schlauer sein. 

Wären die alten Lehren perfekt und für jeden Reiter 
auch erlernbar und umsetzbar, 
gäbe es nicht so viele Pferde, 
die durch das Reiten krank werden. 





Sabine Bruns




Sonntag, 18. Dezember 2016

Wissenswertes zum Arbeiten im Kreis

Ich weiß, dass ich mich mit diesem Beitrag bei vielen Reitern sehr unbeliebt mache. Ich schreibe ihn trotzdem, denn das Thema brennt mir auf der Seele.

In der englischen Reitweise und auch in den Arbeitsreitweisen wurden junge Pferde immer schon zu Beginn ihrer Ausbildung im Kreis gearbeitet.  Die einen benutzten das Roundpen, die anderen die Longe und den Longierzirkel.

Waren die Pferde eingeritten, wurden sie im Gelände (bei der Arbeit, beim Militär) und auf dem Reitplatz weiter ausgebildet.

Kein Westernreiter kam früher auf die Idee, sein ausgebildetes Arbeitspferd drei bis fünf mal in der Woche im Roundpen im Kreis zu scheuchen. 
Warum auch?
Kein Englischreiter kam früher auf die Idee, sein ausgebildetes Reitpferd zu longieren. 
Warum auch? 

Heute ist das anders.
Das Wetter ist schlecht ... der Reiter hat zu wenig Zeit ... das Pferd kommt so
wild aus der Box und muss sich abreagieren ... der Reiter hat keine Lust zum reiten ... die Reithalle ist gerade so voll .... das Pferd soll "gymnastiziert" werden ... oder ... oder ... oder ...
Welche Gründe es auch immer sind, die Pferde werden bis zu ihrem Lebensende viel zu viel und viel zu oft im Kreis gearbeitet.

Warum zuviel?

Bei der Arbeit im Kreis, egal wie sie gestaltet wird, werden die Gelenke nicht gleichmäßig belastet, was zu Schmerzen und Krankheiten führen kann.
Wird das Pferd zusätzlich tief ausgebunden (zwecks vermeintlich hierdurch geförderter Rückentätigkeit), lastet zu viel Körpergewicht auf der Vorhand, wodurch die Gelenke der Vordergliedmaßen extrem belastet werden.  (Satiremodus an  * Hufrollenentzündung lässt grüßen * Satiremodus aus)
Das Ausbalancieren auf der Kreislinie fällt den Pferden schwer, deswegen neigen sie dazu, Muskeln anzuspannen, die während der Bewegung eigentlich losgelassen zwischen Spannung, Dehnung und Entspannung wechseln sollten. Je kleiner der Kreis, desto schlimmer, je schneller das Pferd, desto schlimmer. (Nein, Geschwindigkeit fördert nicht die Tragfähigkeit der Hinterhand.)

Warum gibt es in einem Fitnessstudio kein "Laufrondell"? 
Weil es kein Sportler benutzen würde. 
Im Kreis joggen schmerzt nach kürzester Zeit massiv in den Gelenken. 

Merken:

Die Arbeit mit dem Pferd auf der gebogenen Linie sollte nur in kurzen Phasen mit sehr häufigen Handwechseln und in Kombination mit Geradeaus-Lektionen stattfinden, damit das Pferd gesund bleibt. 

Bei gesunder Bodenarbeit ist die Biegung eine Lektion, die im Wechsel mit allen anderen Lektionen ausgeführt wird, aber niemals als Selbstzweck über einen längeren Zeitraum.





Dieser Beitrag darf gerne überall geteilt und verbreitet werden. 





Montag, 5. Dezember 2016

Wie schwer darf der Reiter für sein Pferd sein?


Da wir uns beim Physio-Riding  grundsätzlich an wissenschaftlich fundierte  Fakten halten,   können wir keine festen Zahlen / Prozentzahlen nennen, wie es gerne bei dieser Frage getan wird, sondern wir beurteilen gemeinsam mit dem Reiter das individuelle Paar und richten uns dabei nach folgenden 5 Fragen:

1.
Wie alt ist das Pferd

Das Knochengerüst des Pferdes – und vor allem die Lenden-Becken-Region - ist erst „fertig gewachsen und belastbar“, wenn das Pferd sein 7. Lebensjahr erreicht hat.
Allerdings richtet sich das Wachstum von Knochenstrukturen, Sehnen und Muskeln auch danach, wie das Pferd aufwächst.
Ein Pferd, dass bis zu seinem 10 Lebensjahr nur auf einer kleinen Weide spazieren geht und dann zum Reitpferd werden soll, wird eher gesundheitliche Probleme bekommen, als ein Pferd dass ab Jugend sorgfältig ausgebildet wird, weil die Strukturen im Körper des älteren Pferdes nicht auf eine zusätzliche Belastung vorbereitet sind.
Leider gibt es über diese Zusammenhänge bisher keine wissenschaftlich fundierten Studien bei Reitpferden.  

2. 
Wie lange sitzt der Reiter auf seinem Pferd?

Es ist ein großer Unterschied, ob ein Pferd auf einem dreistündigen Ausritt oder in einer 30 minütigen Dressurtrainingseinheit geritten wird.
Weiterhin ist es ein großer Unterschied, ob jemand während einer Reiteinheit konstant reitet oder in regelmäßigen Abständen absteigt.
Wer beispielsweise mit seinem Pferd einen 60 minütigen Ausritt macht und dabei 2 mal 10 Minuten lang absteigt und nebenher geht, belastet sein Pferd viel weniger, als jemand der 30 Minuten konstant versammelnde Dressurlektionen übt, denn in den 30 Minuten kann das Pferd nie vollständig den Rücken entspannen und frei bewegen.

Beim Physio-Riding verbinden wir sowieso gerne die Bodenarbeit nahtlos mit der Reiteinheit, wodurch der Pferderücken deutlich weniger belastet wird, das Pferd aber nicht langsamer lernt, als bei „normaler“ Ausbildung.

Wenn ich beispielsweise meinem jungen Pferd die Seitengänge auf Signal per Bodenarbeit (z.B. durch positive Bestärkung) beibringe und dann während der Reiteinheiten absteige, die Lektion am Boden 5 Minuten lang ausübe, anschließend wieder aufsteige und die Übung wiederhole, lernt das Pferd sehr viel leichter und stressfreier, als wenn der Reiter ziehend und drückend den Seitengang während des Reitens entwickeln will.

Ich kann auf diese Art auch junge Pferde reiten, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil ich in einer dreißigminütigen Ausbildungseinheit nie länger als 5 Minuten am Stück drauf sitze.  Die Pferde sind nach der Trainingseinheit weder erschöpft noch  gestresst und haben trotzdem (oder gerade deswegen :-)) sehr viel gelernt.

3.
Wie beweglich / sportlich ist der Reiter?

Ein Reiter muss in der Lage sein, seine Becken- und Lendenregion gut zu bewegen, um die Rückentätigkeit des Pferdes so wenig wie möglich zu behindern. Außerdem muss ein Reiter eine sehr gute Haltemuskulatur haben, um auf dem Pferd ein möglichst konstantes Körpergleichgewicht herstellen zu können. Drittens muss der Reiter mental gelassen und ausgeglichen sein, um sein Pferd stressfrei reiten zu können.

Jeder Reiter, der auf dem Pferd Muskeln anspannt, die beweglich sein sollten, behindert die Beweglichkeit seines Pferdes.  

Jeder Reiter, der aus Angst oder Unsportlichkeit mit den Beinen klammert oder sich am Zügel festhält, ist ein Risikofaktor für die Gesundheit des Pferdes.

Dieser Faktor ist viel wichtiger als die Frage, wie schwer der Reiter ist.  Ich kenne gertenschlanke Menschen, die die Rücken ihrer Pferde zuschanden geritten haben, weil sie während des Reitens nicht beweglich genug waren.

4.  
Der Körperbau des Pferdes

Das Pferd muss unter dem Reiter seine Lendenwirbelsäule aufwölben können, um das Becken und damit die Hinterhand gut bewegen zu können. Nur so ist es möglich,  dass es sich unter dem Reiter gut ausbalancieren kann.
Ist ein Pferd sehr kurz, passiert es leicht, dass Reitergewicht nicht nur auf dem stabilen Brustkorb lastet, sondern auch in der Lendenregion, was unbedingt vermieden werden sollte.

Übergewicht: Oft sieht man vermeintlich breit gebaute „Gewichtsträger“, die auf den ersten Blick so wirken als könnten sie auch schwere Reiter problemlos tragen. 

Diese Pferde sind aber nicht breit gebaut, sondern fett  gefüttert und somit erst recht nicht geeignet, auch noch zusätzliches Gewicht eines schweren Reiters zu tragen.


5.
Das Wissen und Können des Reiters

Ein Reiter, der gut ausgebildet ist, über fundiertes theoretisches Wissen verfügt und sein Pferd entsprechend sorgfältig reitet, erkennt die Zeichen, mit denen ein Pferd signalisiert, dass es überfordert ist und wird darauf reagieren.

Wenn beispielsweise das Pferd sich auf die Hand legen will, oder im Rücken nicht mehr locker weich schwingen kann, sind das Zeichen dafür, dass das Pferd die Hinterhand oder / und den Rücken ausruhen muss.
Wenn ein Pferd ungehorsam wird, ist es in aller Regel überfordert und verspürt Schmerzen
Wenn ein Pferd sich anspannt, hektisch wird, immer öfter scheut, ist es überfordert.

Die Lebensumstände des Pferdes: Ein Pferd, das durch eine gesunde Haltung (Offenstall, Aktivstall) und Fütterung gesund lebt, kann mehr tragen und leisten, als ein Pferd, dass in Boxenhaltung lebt und somit sowieso gefährdeter für gesundheitliche Probleme des Bewegungsapparates ist.



Empfohlene Maßnahmen             

Wenn ein Reiter Signale erkennt, die daraufhin deuten, dass sein Pferd überfordert ist, soll er die beachten und darauf reagieren.

Tierphysiotherapeutische Maßnahmen, wie beispielsweise die regelmäßige Massage und gut geplante Übungen zum Muskelaufbau (z.B. isometrische Übungen, Dehnungsübungen, Bodenarbeit)  sind beste Prophylaxe.

Durch fundierte Trainingsplanung, gutes Coaching und regelmäßige Videokontrolle sollte ein Reiter die Gesundheit des Pferdes immer im Auge behalten. Viele Risiken können so minimiert werden.


Wichtigstes Faszit:

Reiter, sei Du Dir Deiner Verantwortung bewusst und verdränge das Problem nicht, 
dann werden Dein Pferd und Du auch eine glückliche Zeit miteinander haben.

  

Dieser Beitrag darf gerne geteilt und verbreitet werden. Danke!




Ausbildung zum Physio-Riding Coach:


Besser reiten mit Tai Chi und Qigong